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1.8.
Viertes und fünftes öffentliches Redigieren (Schlachthof und Documenta-Halle)

Mich interessierte die Idee des öffentlichen Redigierens, ich war neugierig. Redaktionssitzungen, die kenne ich als Zusammenkünfte einer kleinen, eingeschworenen Gruppe, die miteinander vertraut und an intensives zusammen arbeiten gewöhnt ist. Wie sollte so ein Prozess auf einer öffentlichen Veranstaltung, unter Leuten, die sich kaum oder gar nicht kennen, vonstatten gehen? Würde es möglich sein, diesen Teil des Bewegungsalltags – eben das Redigieren von Texten – in einen Mobilisierungs- oder Bewusstmachungsprozess einzubauen?
Tatsächlich war dieses Redigieren ja Teil eines größeren Projekts, in dem es darum ging, über Gespräche und Interviews Linien prekärer Verhältnisse aufzuzeichnen. Statt sich also mit einem Flugblatt, einem Text, einem Manifest an prekär Beschäftigte zu wenden, suchten die Leute von der 'Mir reichts... nicht!'-Kampagne das Gespräch mit PraktikantInnen, VermittlerInnen, Security- und Putzpersonal, dokumentierten, und diskutierten öffentlich und intern. Ein Zwischenziel dieses offenen Prozesses war es, einen Text zu produzieren, der dann wiederum bei den nächsten Stationen eingesetzt werden könnte – etwa beim Bundeskongress von Verdi im Herbst, bei der Berlinale 2008 oder ganz direkt noch während der Documenta.
Vor allem aus Mailinglisten und Webseiten wusste ich, dass es beim öffentlichen Redigieren um die kollektive Arbeit an Interview-Materialien ging, die in den Tagen/Wochen zuvor aus der Documenta-Phase dieses Projektes des Hamburger Euromayday-Netzwerks hervorgegangen waren. Mit diesem Konzept sollten die Interview-PartnerInnen die Möglichkeit bekommen, Einfluss auf die zu produzierenden Texte zu nehmen. Ich war etwas zögerlich, mich zur Teilnahme an den Veranstaltungen zu entschließen, war ich doch weder Interviewerin noch Interviewte noch Teil des Hamburger Euromayday-Netzwerks – aber nachdem mich jemand ausdrücklich eingeladen hatte, bin ich hingefahren.

Viertes öffentliches Redigieren im Schlachthof


Zuerst also die Veranstaltung im Schlachthof. Das ist ein soziokulturelles Zentrum, das seit den 70er Jahren besteht. Am Eingang hängt ein Plakat von der 'Mir reichts... nicht!'-Kampagne. Der Raum wirkt auf mich wie ein typisches Mehrzweck-Kneipen-Hinterzimmer – Bühne an der Seite, graue Holztäfelungen am unteren Teil der Wand, einzelne Stühle, die flexibel angeordnet werden können. Dahinter eine Kneipentheke, wo's auch was zu essen gibt.
Für heute Abend ist der Raum ein Arbeits-, Ausstellungs-, Diskussions- und Zusammensitzraum mit interaktiver Medienbegleitung.
Fünf kleine runde Tischchen sind im Bistro-Stil über den Raum verteilt, Stühle werden je nach Bedarf zurecht gerückt. Am unteren Teil einer Wand sind Ausdrucke von den Fotoshootings der Superhelden [1], [2], [3] angebracht, darüber grüne A3-Ausdrucke mit Interview-Zitaten. Die Stirnwand dient als Projektionsfläche. Gegenüber ein Tisch mit Kamera, Aufnahmegerät, Beamer und Laptop, an dem ein paar Leute von Euromayday sitzen, die sich während der Veranstaltung dabei abwechseln, die gebeamten Interview-Zitate, die auch als Ausdrucke verteilt werden, zu erweitern und sich um die Dokumentation kümmern. Rechts die dunkle Bühne, von der sich die Plakate früherer Euromayday-Paraden abheben. Links eine große Tafel, auf der Ausdrucke von ausführlicheren Interview-Ausschnitten angehängt sind. Der Raum in der Mitte bleibt leer.
Ich gehe in den Garten, eine rauchen, und auch dort sitzen Leute über diesen Ausdrucken. Ich denke darüber nach, wie alles hier auf die Prozesshaftigkeit dieses Projekts und auf frühere Stadien verweist. Bei der Einführung und auch in kurzen Gesprächen nach der Veranstaltung wird immer wieder betont, dass diese Veranstaltungen und eigentlich das ganze Projekt ein Experiment ist, mit offenem Ausgang. Eine Momentaufnahme sozusagen, in der vieles von dem, was im Rahmen des Euromayday Netzwerks in den letzten Jahren gelaufen ist, angetippt wird: Die Mobilisierungsplakate aus drei Jahren, die Schnappschüsse von den Superhelden, die auf die überraschend bekannt gewordene Aktion im Frischeparadies im April 2006 und indirekt auf den Amtsgericht-Prozess zu dieser Aktion verweisen, die experimentelle Form verschiedener Schritte des Sichtbarmachens, die Arbeit während der Documenta-Phase des Projekts. Das Bemühen darum, sprachliche und/oder visuelle Bilder für prekäre Leben zu finden. Auch die Findigkeit beim Improvisieren – die Superhelden-Fotos etwa werden einfach in Klarsichthüllen präsentiert. Die Fähigkeit, in kurzer Zeit einen Raum so zu gestalten, dass er temporär „zum Eigenen“ wird. Der selbstverständliche Umgang mit Beamer, Aufnahmegerät und Kamera.
Der leere Raum in der Mitte fasziniert mich. Später wird mir jemand erzählen, dass einige der vorangegangenen Sitzungen stark auf die eingeladenen Gäste fokussiert gewesen seien, was nicht ganz dem ursprünglichen Konzept des kollektiven öffentlichen Redigierens entsprochen habe. Diesmal hätten sie versucht, es anders zu machen.

Zitatauswahl
Tatsächlich beteiligen sich viele der anwesenden Interview-PartnerInnen, der auf der Documenta Beschäftigten, der Leute vom Euromayday-Netzwerk und derer, die wie ich auf anderen Wegen dazugestoßen waren, an der Diskussion. Der Beitrag des eingeladenen Gasts vom Magazin 'Malmö' fügte sich in die Diskussion ein. Von den sieben Kategorien der Interview-Zitate wurden zwei ausgewählt – 'Konflikt' und 'Versprechen'.
Versprechen – was man sich als Mitarbeiterin vom Documentajob verspricht, was einem versprochen wird, und welche Aspekte der Arbeit in Konflikt mit dem geraten, was man will.
Networking scheint, den Zitaten zufolge, eine wichtige Rolle zu spielen, auch der Eintrag des Documenta-Jobs auf dem Lebenslauf. Sich unverzichtbar machen, aber gleichzeitig ersetzbar zu sein. Es scheint ein großes Bedürfnis nach Austausch über diese Arbeit zu geben, gleichzeitig will man aber nicht anecken. Das mitgebrachte Arbeitsethos – der Wunsch, Dinge „richtig“ zu machen, gerät in Konflikt mit dem als zu hoch empfundenen Arbeitspensum, das dazu führt dass zu viele Dinge nur teilweise erledigt werden können. Ein permanenter Zeitmangel. Der improvisierte Flow dieser Arbeitsweise kann motivierend, dynamisch sein, aber er funktioniert nur deshalb, weil alle unter dem Druck stehen, alles mitzukriegen und immer sofort Zeit zu haben. Es gibt auch die Angst, den Anschluss zu verlieren.
An der Zitat-Auswahl fiel mir auf, dass die Begeisterung fehlte, oder für mich als Leserin nicht ins Gewicht fiel. Ich dachte zwar immer wieder - ja, ja, ja, so ist es, aber die Betonung von 'Konflikt', 'Erschöpfung' etc. ging irgendwie auf Kosten dessen, was ja als Motor in vielen prekären Jobs auch da ist, eben diese Selbstmobilisierung.
Die Zeitschrift Malmö hatte sich anfangs am Magazinprojekt der Documenta beteiligt, und gleichzeitig eine Kritik daran veröffentlicht. Es ging um die Frage, warum Malmö diese Kritik nicht innerhalb des Projektes, während der Documenta, geäußert habe, oder - weiter gefasst - wie man einen von einer Person oder Gruppe wahrgenommenen Konflikt öffentlich und damit politisch machen könne.
Ich hätte gerne näher an den Interviewzitaten diskutiert, versuchte auch, mir einen Redebeitrag auszudenken, der dorthin zurückführte. Ich merkte aber auch, dass die Zitate mich irgendwie in eine Sackgasse führten. Ich fühlte mich wie in einem Laufrad, beim Lesen: ich komme nicht von der Stelle, die Aussagen, die potentiellen Konflikte bleiben immer im Individuum, im Einzelnen, der sie mit sich selbst aushandeln muss. Ich hätte viele Aussagen bestätigen, mit eigenen Erfahrungen anreichern können. Aber alles, was mir einfiel, blieb bei Situationsbeschreibungen. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn ich ein ganzes Interview gelesen hätte. Genau das scheint die Aufgabe zu sein, die ansteht: über die Situationsbeschreibungen hinauskommen, Perspektiven für ein Handeln entwickeln, das diese Arbeits- und Lebenssituationen nicht nur öffentlich macht, sondern auch verändert. Die Kluft zwischen individueller Erfahrung und politischer Diskussion blieb für mich während der Veranstaltung bestehen.

Diskussion mit Intermittents aus Paris (Documenta-Halle)
Als ich für diese Veranstaltung in die Documentahalle komme, kann ich sie erstmal nicht finden. Die junge Frau, die den Eingang zur Ausstellung kontrolliert, weiß von nichts. Aber im Pressezentrum wissen sie, dass etwas in einem der Nebenräume stattfindet. Im lichtdurchfluteten oberen Stockwerk ist eine offene, flexible Kunst- und Sitzelement-Landschaft aufgebaut. Dort findet gerade eine Diskussionsveranstaltung statt, irgendwie muss ich durch die Sitzreihen durch, um zu der geschlossenen Eingangstür des Nebenrams zu kommen. Ich gehe durch, und komme in einen großen, weißen Raum. Das Licht ist künstlich, Wände und Tische weiß. Ein paar Leute sind dabei, die Euromayday-Plakate, die grünen Zitatplakate, die Superheldenausdrucke, die Zitatausdrucke aufzuhängen. Trotzdem bleibt der Raum unpersönlich. Später wird verdunkelt, damit man das Dokument mit den Zitaten und die während der Veranstaltung eingetragenen Veränderungen sehen kann.
Über den ganzen Nachmittag kamen immer wieder Dokumentabesucher in den Raum, schauten sich neugierig um, lasen sich das eine oder andere Papier durch, setzten sich auch mal hin, blieben aber nicht lange. Die Veranstaltung war für Neuankömmlinge bestimmt schwer einzuordnen - 'Kunst' gab es schon, jedenfalls Dinge an der Wand, dazu ein loser Kreis von hochkonzentrierten Menschen, die miteinander in mehreren Sprachen reden, kein Veranstaltungsleiter ist erkenntlich...
Ich frage mich, wie die Veranstaltung gelaufen wäre, wenn sie in der „Sitzelementlandschaft“ stattgefunden hätte.
Im Ganzen habe ich die Veranstaltung als lang und mühselig in Erinnerung. Es war, würde ich sagen, ein Experiment, das mit einer Menge hinderlicher Umstände zu kämpfen hatte. Erstens war draußen wunderbares Wetter und wir saßen zweitens in einem abgedunkelten Documentaraum ohne richtige Fenster. Es war heiß und stickig. Drittens wurde die Diskussion in deutscher und französischer Sprache geführt, und die einzige Übersetzerin musste fünf Stunden lang hochkonzentriert am Ball bleiben.

Dazu kam eine Dynamik, in der die Intermittents quasi als Experten oder Bewegungsberater angesprochen wurden und sich den Schuh auch gerne anzogen - ihr müsst... , ihr solltet..., was würdet Ihr uns raten?, Wir haben damals etc. Die Zitatauswahl rückte bald in den Hintergrund.
Vielleicht war es aber auch so gedacht.

Hinterher waren alle ziemlich erschöpft.


30.Juli
Viertes öffentliches Redigieren (im verdi-Haus)




28. Juli
Bericht: Workshop 'Prekäre Bilder' / report: 'Pictures of Precarity' (dt., engl.)

Am Sa., den 28.07.2007, gab es im Rahmen des Veranstaltungsprogramms einen Workshop mit Klaus Ronneberger zum Thema "Bilder der Prekarität", an dem ca. 25 Leute teilnahmen. Der erste Teil des workshops begann mit einem historischen Exkurs über die Bildproduktion der Arbeiterbewegung und setzte sich fort durch eine theoretische Annäherung an das Thema "Prekarität heute". Dabei ging es unter anderem um eine Analyse der in den Massenmedien dargestellten Figuren der Prekarität, die vor allem seit 2006 im mainstream als "abgehängtes Prekariat" oder "Generation Praktikum" verhandelt werden. Vor diesem Hintergrund wurde die Frage gestellt: Wie können Bilder der Prekarität heute aussehen?
Im zweiten Teil des workshops ging es um eine kritische Auseinandersetzung über Bilder, die im Rahmen der Euromayday-Paraden in Mailand, Hamburg, Barcelona, Kopenhagen, Tübingen, Paris und an vielen anderen Orten produziert wurden. Unter anderem wurde über das Problem diskutiert, wie es möglich ist, prägnante Bilder zu schaffen, ohne zu vereinheitlichen, wie es möglich, ist ein Label zu schaffen, in dem sich die Vielheit der Prekarität wiederfindet. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, welches Gesicht die Kampagne "Mir reicht'... nicht!" bekommen soll.

workshop-atmosphäre

Saturday, 28th of July a workshop with Klaus Ronneberger took place. Its topic was: "precarious pictures". The first part started with a historic excourse about pictures of the labour movement and went on approaching the topic "precarity today" theoretically. Here, constructed figures in the mainstream media, such as "volunteer- generation" or "abgehängtes Prekariat" occurring first in 2006, were analyzed. Against this background the following question was posed: How can precarious pictures look like today?
During the second part of the workshop a critical reception of pictures and trailers of the Euromayday-parades and actions was combined with the examination of the problem to produce pregnant pictures that do not unify the depicted at the same time. How can labels for a campaign like 'Enough is (not) enough!' be created in which the multitude of precarity retrieves itself?



Fragen zum Workshop
Wir haben noch ein wenig, bis der Workshop um 15h anfängt. Klaus Ronneberger, einer der ReferentInnen, ist schon angekommen. Das sind die guten Seiten der prekären (politischen) Tätigkeiten. Man trifft gute Bekannte und Freunde, die man lange nicht gesehen hat. Und für eine kurze Zeit vergisst man, dass man die ganze Zeit unterwegs ist, versucht, mit Würstchen satt zu werden, und das Geld flieht aus dem Portmonee wie sonst was. Die zweite Referentin, Marion von Osten, hat gestern Abend wegen Krankheit abgesagt. Kennen wir jedoch zu gut. Dieses Signal des Körpers, der nach einer Pause sucht und diese auch erzwingt. Sehr schade, ich freute mich sehr auf ihren Kommentar zur Arbeit der Künstlerin Zoe Leonard, vor allem aber auf ihren Blick auf die Euromayday-Plakate.

Klaus erzählte über das Verhältnis von Kunst und "Arbeit" (Zentralität des ausgebeuteten Körpers und die Überhöhung des Arbeiters als Held/Ikone, Thematisierung von Arbeitslosigkeit/Hierarchien in der Darstellung von Piktogrammen, wo der Arbeiter, als kleiner winziger Teil eines Kollektivs auftaucht, der Deformation der Person im Verhältnis von Arbeiter zur Maschine, der "gefesselte" Arbeiter als Opfer und Erlöser). Im zweiten Schritt umriss er den umstrittenen Begriff der Prekarität und ging dann über zur Frage von Figuren der Prekarität. Circa 25 Leute hörten zu. Irgendwie schienen zwei, wenn nicht drei Generationen aufeinander zu treffen. Und der Austausch klappte.

Einige an den Workshop anschließend, anregende Fragen finde ich wichtig, weiter zu diskutieren.
_Wenn wir keine Sprache für Prekarität (weil umstritten, disparat) finden, wie soll ohne Sprache eine "Übersetzung" in Bilder stattfinden? Ist vielleicht die nötige Einschränkung auf anderer Ebene möglich, jenseits der inhaltlichen Definition von Prekarität? Sollten wir auf der Suche nach Kampagnen-Bildern eher der Frage nach der Wirksamkeit des Zeichens (maximaler Resonanzraum) oder eines Symbols der Verbreitung nachgehen?
_Sagbare und sichtbare Bilder die "Furcht" erregen?
_Haben wir sogar einige Bilder? Brigitta Kuster verwies darauf, dass wir schon oft in Bildern sprechen, wie zum Beispiel dem Aufruf des "roten Teppichs" auf der Berlinale, ein "Zukunftsbild" das auf die offene Arbeitsweise der Kampagne hinweist. Schließlich ist der "rote Teppich" abstrakt genug, um Offenheit zuzulassen, aber auch konkret genug um anzusprechen und die Phantasie bei unterschiedlichen Leuten anzuregen, die sich in der Kampagne einschreiben wollen. Zeichen der Lesbarkeit, also erfinden die auf die Kampagnen-Praxis verweisen.
Ach ja, Assoziationen: wie schrill-toll war das im Workhop gezeigte Bild der primavera-precaria!


28. Juli
Zeitmangel, Unterbringung, Workshop 'Bilder der Prekarität', Kassel-Zuschlag
Im Zug nach Kassel diskutieren wir Nachzügler über die Interviews. D. ist gar nicht dazu gekommen, ein Interview zu führen. Darüber war sie anfangs traurig, irgendwie aber ist ihr klar geworden, dass ihr Unbehagen mit den Interviews darin bestand, dass sie in ihrem Job permanent informelle Interviews zu Prekarität führt. D. hat sich gerade selbstständig gemacht mit einem Friseursalon in Hamburg. So verwunderte es mich nicht, dass sie diesen Ausflug nach Kassel mit dem Satz kommentierte: "Ich mache hier Urlaub." Tatsächlich fiel ihr auf, dass sie sich das erste Mal seit Monaten freigenommen hat.
Nach der Ankunft versuchten wir die Wohnungslage zu klären, was für mich ungünstigerweise dazu geführt hat, dass ich in einem Wohnungswagen übernachten musste. Der Rest ist, glaube ich, einigermaßen okay untergebracht. Bei mir ist es zwar kalt, aber dafür wohne ich allein. Damit will ich nur sagen, dass ich mich jederzeit aus dem kommunikativen Overkill ausklinken kann. Andere machen das anders.
Der Workshop geht gleich los. Marion von Osten hat leider abgesagt. Klaus [Ronneberger] und seine Fangemeinde sind schon da, nach und nach kommen noch einige andere. Klaus hält einen sehr schönen Vortrag über die Genealogie der Bilder der Prekarität, auch wenn er technisch nicht im Stande ist, die Bilder an die Wand zu werfen, kommen wir in den Genuss seine schönen Bildbände durchzublättern.
Danach zeigt Frank uns Bilder zur Agit-Prop-Ästhetik der Euromayday-Produktionen. Einer fragt, wer eigentlich alles St. Precario schon vorher kannte? - mit der festen Überzeugung, dass es sehr wenige sind. Als fast alle die Hand heben, war er kurz verunsichert, aber blieb bei seiner Überzeugung: "Ihr habt es doch alle zusammen gesehen." Schließlich wird uns klar, dass unsere Bildsprache gerade mal die Euromayday-Gemeinde und vielleicht ein Stückchen darüber hinaus affiziert. Ausgenommen natürlich die prekären Superhelden. Eine andere Kritik bezieht sich auf unsere Flyer: Sie stellen unsere politische Praxis nicht dar, denn wo ist der rote Teppich der Berlinale?
Danach geht's essen zum 'Frechen Spanier'. Bei Tapas, Wein und Bier streiten wir über die Veranstaltung am Freitag, und nebenbei treffen wir den historischen Beschluss der sofortigen Einführung eines Aktivistinnen per diems (Kassel-Zuschlag), um die Rechnung bezahlen zu können.


28.Juli
Reisegespräch nach Kassel; Überlegungen zur Interview-Praxis
Samstag früh, nun sind auch wir 'Nachzügler' erneut auf dem Weg nach Kassel zur Documenta. Auf der Zugfahrt habe ich mich prächtig mit meinen zwei Kampagnen-Mitstreiterinnen unterhalten. Wie sind die Interviews gelaufen? Wer hat schon welche gemacht? Nicht alle hatten führen zum Interviewen zur Documenta. Im Laufe der Fahrt stellte sich jedoch heraus: es führen auch, diejenigen die, in Hamburg zurückbleiben, wertvolle informelle Interviews, während sie ihren Job bestreiten. Meine Mitreisende erzählte, wie sie tagtäglich beim Haare schneiden mit Leute aus unterschiedlichen Hintergründen und Herkünften ins Gespräch kommt, und diese ihr erzählen über ihren Alltag - mit mal mehr mal weniger großen Sorgen, woher das Geld kommt oder wo sie ihren persönlicher Spagat üben.
An dieser Stelle finde ich es sehr wichtig festzuhalten, dass auch diese Informationen wertvoll für die Kampagne sind. Ich plädiere somit dafür, die Praxis des Interviewens breiter zu fassen, d.h. diese nicht nur auf die transkribierten Interviews von der Documenta zu reduzieren und überlegen, wie alle Gespräche dokumentiert werden und in der Analyse berücksichtigt werden können, auch wenn die Documenta ein Kreuzungspunkt, ein Ort war, wo wir in kurzer Zeit ca. 40 Interviews mit Vermittlerinnen, PraktikantInnen, Aufsichtsleuten, Künstlern, Putzfrauen und Erwerbslosen führten.

Ankunft in Kassel / Betr.: Update zum gelaufenen Programm
Kurz vor zwölf in Kassel angekommen. Großer Hunger, wir gehen frühstücken, gegenüber dem "Schlachthof" und lassen uns updaten. Neugier! Wie ist es bis jetzt gelaufen? Es gab nämlich schon zwei offene Redigier-Veranstaltungen. Die erste hören wir, sei gut gelaufen. Rund dreißig Leute erzählten von ihren Erfahrungen mit der Prekarität. Sie diskutierten auf "Augenhöhe" über die Interview-Text-Samples unter den Überschriften "Versprechen", "Geld" und "Erschöpfung". Der zweite Tag soll ein "Fiasko" gewesen sein, behaupten einige Kampagnen-MitstreiterInnen. Die Diskussion über die Zitat-Abschnitte "Zeit" und "Leben" gestaltete sich etwas schwierig. Die Kategorie "Leben" wurde von kpd zurückgewiesen. Da die Zitate eher ein "entgrentzendes Arbeiten" beschreiben würden als ein erwünschtes "Leben". Auch einigen BesucherInnen sei das Reden zu abstrakt gewesen. Sie hätten Schwierigkeiten zu folgen.
Ich erachte diese Äußerungen als spannend, weil diese das Verhältnis von Analyse und konkreten Erfahrungen thematisieren, welches ich nur in dieser Verwebung wertvoll finde. Denn persönliche Erfahrungen sind unabdingbar, dennoch sprechen sie nicht für sich; die Arbeit fängt an, beim Versuch, analytische Konfliktlinien oder Wunschproduktionen zu erarbeiten. Außerdem fällt mir zum Punkt 'Zeit' ein, wie ich und ein Mitstreiter Ende letzten Jahres beim euromayday-workshop in Hüll, 'Zeit' zu thematisieren versuchten. Selbst die Leute vom Euromayday-Kreis wollten damals nicht viel mit diesem Stichwort anfangen. Wir mühten uns ab, nach dem Motto: Das ist doch ein Konflikt, denkt doch mal wie wir leben! Damals war ich traurig und sauer, weil das nicht ankam. Nun taucht Zeit als Interview-Kategorie auf. War damals die Thematisierung der Zeit "zu abstakt"? Vielleicht, dennoch nervt mich die übliche "Intellektuellen-feindliche" Haltung. Denn diese macht es unmöglich, über die Frage der Vermittlung nachzudenken. [EP]


26./27. Juli
Konzept des öffentlichen Redigierens; erste Erfahrungen
Mit einer Veranstaltungswoche auf der documenta in Kassel ist die Kampagne "Mir reicht's... nicht!" an die Öffentlichkeit getreten. Im Mittelpunkt steht dabei das Öffentliche Redigieren. Ausgehend von Interviews mit Aufsichten, Praktikantinnen, Putzfrauen, Künstlern und Assistentinnen haben wir damit begonnen, öffentlich und gemeinsam mit allen Interessierten an verschiedenen Orten in Kassel und mit verschieden Gästen einen Text zu verfassen. Ausgangspunkt ist dabei eine Auswahl von Zitaten, in denen Aspekte der Prekarität angesprochen werden, die wir für wichtig halten. Die Themen reichen von Versprechen und Erschöpfung über Zeit, Geld und Leben bis hin zu Konflikt und Strategie. Dabei steht auch die Form des Textes zur Diskussion. Soll es ein analytischer Text werden? Oder doch ein offener Brief an den Geschäftsführer der documenta? Welche Ziele sollen im Rahmen der Kampagne mit diesem Text verfolgt werden?
Beschäftigte der documenta, Erwerbslose und politische Aktivisten sind bei den ersten beiden der insgesamt fünf öffentlichen Bearbeitungstermine miteinander ins Gespräch gekommen. Subjektive Erfahrungen und Strategien, die sonst häufig auf politischen Veranstaltungen keinen Raum haben, sind ausgetauscht worden. Zugleich wurde die Kampagne, die wir selbst als Kampagne in Gründung verstehen, mehrfach als zu diffus und uneindeutig empfunden. Vor allem an diesem Punkt zeigt sich, dass diese Offenheit Schwäche und mögliche Stärke zugleich ist. Wir haben uns bewusst für diese Offenheit entschieden, um nicht die Rolle von Experten einzunehmen und so ein Gespräch über unterschiedliche subjektive Erfahrungen von vornherein zu verhindern. Dennoch ist es uns in einigen Situationen nicht gelungen, das von den eigenen Erfahrungen losgelöste Sprechen über Prekarität hinter uns zu lassen. Unsere ersten Erfahrungen mit dem Format des öffentlichen Redigierens sind ambivalent. Die Veranstaltungen in den nächsten Tagen werden zeigen, ob es uns gelingen wird, weitere Schritte in Richtung auf ein neues Sprechen und vor allem ein neues Handeln in der Prekarität zu gehen.


27. Juli
Vorbereitung Zweites öffentliches Redigieren
Nachdem wir ausgeschlafen und ausgiebig gefrühstückt haben - F. und M. sind mittlerweile auch eingetroffen -, lassen wir den Abend noch mal Revue passieren. Den Vorschlag, kleinere Arbeitsgruppen zu bilden aus dem Publikum, sollten wir übernehmen, aber wie läuft das dann mit den eingeladenen Gästen?
Wir teilen uns auf: einige wollen die Ausstellung sehen, weil sie nur einige Tage hier sind, auf dem Weg hängen sie noch einige Plakate beim DGB auf. Die anderen versuchen, die Kommentare und Diskussionen des gestrigen Abends in den Text zu integrieren.



Es ist schon wieder viel zu spät, der bearbeitete Text muss wieder ausgedruckt werden und wieder das Problem mit dem Copy-Shop. Selbst an der Uni hat die EDV-Abteilung schon um 17 Uhr geschlossen. Wir finden glücklicherweise noch ein Internetcafé, in dem auch ein Kopiergerät steht, da ist es allerdings schon kurz vor... Normalerweise hat jeder Kopierer an der Seite ein Fach, in dem die Zettel, die der Kopierer ausspuckt, aufgefangen werden. Dieser Kopierer hat das nicht, man muss die Zettel selber auffangen. Während ich versuche, die unterschiedlichen Stapel zu sortieren, hat U. die Kontrolle verloren und Kopien fliegen durch den halben Laden... Mittlerweile ist das Taxi eingetroffen, während wir bezahlen, fragt ein Junge, wo denn die Party ist heute. Er würde auch gerne kommen, aber er versteht das nicht, was heißt 'Redigieren' und überhaupt was heißt eigentlich 'Prekarität'? Das in zwei Minuten zu erklären, ist natürlich nicht so einfach, aber er versteht es trotzdem. Er ist in 3 Monaten fertig mit der Ausbildung und hat keine Ahnung, wie es weitergeht. Dann stellt er die alles entscheidende Frage: Und was hat er davon, wenn er auf diese Veranstaltung kommt? Gut, dass er heute nicht auf die Veranstaltung gekommen ist: vor lauter Postfordismus verlor ich auch zwischenzeitlich den Faden.


26. Juli
Anfahrt und Erstes öffentliches Redigieren
9:40 Abfahrt Hamburg Hauptbahnhof, natürlich mit dem Bummelzug - das Budget reicht nicht für den ICE. Auch nicht weiter schlimm, so gibt es mehr Zeit, die Veranstaltung vorzubereiten. Wer stellt was vor, und wie genau das mit dem öffentlichen Redigieren funktionieren soll, ist auch noch nicht allen klar. Aber das haben Premieren nun mal so an sich.
15:00 Der Stress geht dann eigentlich erst in Kassel los. Erst mal die Wohnung klar machen. A. und ich holen den Beamer bei Ver.di ab, den sie uns freundlicherweise für die Woche zur Verfügung stellen. Schön ist das bei der Gewerkschaft: verbindlich, zuverlässig. Schwierig wird es erst, wenn man außerhalb der Geschäftszeiten etwas braucht... Wir ziehen weiter zum Getränkemarkt, es ist schwül und wir wollen unseren Gästen was zu trinken anbieten können. Aber wo gibt's in Kassel die gute Cola? Und vor allem: wie transportieren wir fünf Getränkekisten ohne Auto? Mit dem Mini-car - das Taxi fürs kleine Portemonnaie. Als wir im 'Salon des Refusés' ankommen, sind die anderen noch immer auf der Suche nach einem Copy-Shop, bei dem man in der vorlesungsfreien Zeit auch nach 19h noch schnell was kopieren kann... Der Salon ist gestern erst fertig geworden und sieht super aus, aber wo ist die Leinwand? Eine muss noch mal zum Schlachthof, dort können wir eine ausleihen.
20:05 Die ersten Gäste treffen ein, aber was wollt ich noch mal sagen? Schnell das Skript überflogen, machen die andern auch. Die Boxen für die Musik stehen noch auf der Autobahn und M. und F. müssen wohl oder übel im Motel übernachten.
20:45 Die Veranstaltung läuft seit 30 Min., erst mal durchatmen. Erste Schweigehürde überwunden, das direkte Redigieren war zwar mäßig, aber der Text ist eine gute Diskussionsgrundlage. Es sind sehr unterschiedliche Leute gekommen, und wenn uns eins an diesem Abend gelungen ist, dann einen Raum zu eröffnen, in dem sich Leute austauschen, die sonst nicht aufeinandertreffen - und wir auch nicht.
23:30 Die letzten Gäste sind gegangen, und wir machen uns auf die Suche nach was Essbarem. Zwar kennen wir uns noch nicht so gut aus in Kassel, trotzdem drängt sich der Verdacht auf, dass hier niemand mehr isst, nach 23 Uhr. Schließlich geht's nachhause - oder dahin, wo für die nächste Woche für einige von uns zuhause sein wird. Das war ein ziemlich langer Tag... Gute Nacht!