Zitatesammlung aus Interviews
Versprechen
"Ich fühle mich als Teil des Weltmachens, wie es in dem ersten Flyer
steht."
(Beirat)
"Mir ging's nicht ums Geldverdienen, mich hat das Konzept der documenta
begeistert. Für mich ist das eine Ausbildung, die ungleich wertvoller ist
als mein Studium."
(Vermittlerin)
"Ich lebe nicht mit der Illusion, dass ich jetzt ein gemachter Künstler
bin. Das ist nur noch der Mythos, von dem die documenta in den 60er und
70er Jahren gelebt hat."
(Künstler)
"Mein Job interessiert mich nicht. Ich arbeite hier, weil mein Bafög
immer weniger wird."
(Sparkassen-ipod-Vergabe)
"In prekären Arbeitsverhältnissen findet das System eine Kompensation
für diese Situation und das ist das symbolische Kapital. In diesem Fall
ist es ziemlich hoch, weil die documenta eine große Institution ist, die
viele Möglichkeiten für die Zukunft anbietet."
(Magazine)
"Ich habe einen Drei-Monats-Vertrag für die documenta. Vielleicht wird
mein Vertrag ja verlängert."
(Putzfrau)
"Einige Volontäre sind in eine Festanstellung aufgestiegen. Es gibt
reale Chancen auf Erfolgserlebnisse."
(Praktikant)
"Als freie Mitarbeiterin gibt es eine große Abhängigkeit von den
Arbeitgebern. Sie machen unglaublich viele Versprechen, wenn sie gerade
etwas von einem wollen."
(Vermittlerin)
"Viele Leute sind nicht sehr erfahren. Sie denken, dass sie jedem einen
Gefallen tun und den ganzen Tag lang arbeiten müssen, weil sie bei der
documenta dabei sind."
(Magazines)
"Das läuft nach dem olympischen Prinzip: dabei sein ist alles."
(Beirat)
Erschöpfung
"David Goldblatts Fotografien zeigen südafrikanische Arbeiter, die
während der vierstündigen Busfahrt zu ihrem Arbeitsplatz schlafen. Wenn
wir davor stehen, sagen viele: So was gibt es hier nicht. Ich denke
dann: Wenn man prekär ist, gibt es das schon."
(Vermittlerin)
"Der Job ist langweilig und anstrengend, obwohl man nicht wirklich was
macht."
(Garderobe)
"Alle sind extrem motiviert und wollen total gerne total viel arbeiten.
Ich bin definitiv nicht prekarisiert."
(Praktikant)
"Ich glaube, warum das so läuft, hängt mit diesem Festival-Charakter
zusammen. Es rockt einfach 100 Tage durch und wir rocken alle mit. Diese
100 Tage lang ist das Leben documenta und das ist es."
(Vermittlerin)
"Ich war relativ stark motiviert und hatte die ganze Zeit gar nicht das
Gefühl, überfordert zu sein. Irgendwann hat mein Körper dann gesagt: Ey
komm, du brauchst mal Ruhe."
(Vermittlerin)
"Ich hätte gerne ne Situation, in der man nicht so'n schlechtes Gewissen
hat, wenn man mal nicht kann."
(Vermittlerin)
"Meine Job-Probleme müssen meine Freunde und meine Familie auffangen.
Das ist total belastend für alle."
(Vermittlerin)
"Ich will weiter so arbeiten, weil es mir Spaß macht. Ich kann
entscheiden, wann und wo ich arbeite. Aber will ich das in 15 Jahren
auch machen? Habe ich die Kraft, jede Woche neu zu lesen, wo ich mich
weiter bewerben kann?"
(Vermittlerin)
Geld
"Wir geben eigentlich schon seit Februar Geld dafür aus, hier teilzuhaben an diesem Projekt, verdienen aber erst ab dem 20. Juni." (Vermittlerin)
"Wenn ich für dieses kleine Projekt arbeite, werden die Leute verstehen,
wenn man sie in letzter Minute einlädt ... Aber wenn es diese große
Institution gibt, die Tonnen an Geld hat ... Ich kann wirklich verstehen,
wenn die Leute angepisst sind, wenn man ihnen sagt, dass wir kein Geld
haben oder keine Zeit haben, was auch immer. Was in kleinen Projekten
sehr persönlich und entspannt sein kann, wird hier rücksichtslos und
unverantwortlich."
(Magazines)
"Ich habe das auch unserem Chef gesagt, dass ich ab nächstem Semester
Studiengebühren bezahlen muss, und ich dann auch noch leben muss, und
dass ich nicht weiter für 400 Euro dieses Praktikum machen möchte. Ich
war einfach fertig mit der Welt."
(Praktikantin)
"Ich weiß, was ich gerne tun will, aber diese Pläne sind nicht mit einem
finanziellen Einkommen verbunden, und das ist das Problem."
(Vermittlerin)
"Manche arbeiten monatelang umsonst, in der Hoffnung auf einen
Halbjahresvertrag."
(Vermittlerin)
"Um zu verhindern, dass ich stempeln gehe, muss ich ständig einen
Kompromiss eingehen zwischen dem was ich gerne tun will und dem wie ich
an Kohle rankomme."
(Presse)
"Manchmal wird mir von Freunden vorgeworfen, dass mir meine Karriere
sowieso viel wichtiger ist. Aber die verstehen das nicht. Ich habe keine
Karriere, ich habe nur Jobs. Ich muss nur irgendwie an Geld rankommen
und das ist für mich hart."
(Vermittlerin)
"Um zu leben, braucht man Geld, und Geld bekommt man, indem man
arbeitet."
(Security)
Leben
"Person und Position gehen in eins, du bist der Arbeitsbereich, du
kreierst ihn."
(Assistentin)
"Essen zu gehen, ist im Kunstbereich Arbeit."
(Magazines)
"Die haben einem Essen gegeben, damit man bei der Stange gehalten wird
und dann abends bis zehn, elf, zwölf dann noch fleißig sitzt und am
Wochenende Samstag, Sonntag auch."
(Praktikantin)
"Viele Praktikanten kommen nicht aus Kassel. Die haben hier keine
Beziehung, keine Freunde. Das wird als Vorteil angesehen."
(Praktikant)
"Wenn man Projekte machen will, die man toll findet, muss man flexibel
sein. Man muss soziale Strukturen zurücklassen und neue wieder aufbauen
und die wieder zurücklassen ..."
(Vermittlerin)
"Mein Freund und ich: Wir sind immer an den falschen Orten."
(Vermittlerin)
"Die Leute sind übersolidarisch, überidentifiziert mit der ganzen
Sache."
(Kommunikation)
"Es ist dieses komplette Durcheinander zwischen deinem Privatleben und
deinem Berufsleben, das dich dazu bringt umsonst zu arbeiten."
(Magazines)
"Das war eigentlich auch Arbeit, die Leute von den unterschiedlichen
documenta-Strukturen zusammen zu bringen. Es brachte aber auch eine
soziale Situation mit sich. Wir sind dann auch zusammen zu einer Party
gegangen, aber die Party war auch von uns organisiert."
(Magazines)
"Wenn ich auf ein Konzert gehe, schaue ich ständig danach, wie etwas für
mich ökonomisch verwertbar ist. Das zieht sich bis in die kleinsten
Lebensbereiche und das ist frustrierend."
(Presse)
"Morgens stehe ich auf und habe von der documenta geträumt."
(Vermittlerin)
Zeit
"Weil ich die Gesamtverantwortung trage, gibt es eigentlich keine
Pause."
(Buchhandlung)
"Dann kam dann halt der Anruf, komm sofort, am besten morgen. Ich so:
nee, morgen geht nicht, aber nächste Woche. Und dann bin ich völlig
überstürzt angereist. Ich hatte zwar schon damit gerechnet, aber erst 2
Wochen später."
(Koordination)
"Man braucht generell mehr Zeit, um zu reflektieren, wo hat es gut
funktioniert, wo hat es nicht gut funktioniert. Dafür fehlt die Zeit"
(Vermittlerin)
"Wir haben kaum Zeit und Energie, um zu experimentieren. Damit
Vermittlung kunsthaft wird, braucht es gute Bedingungen."
(Vermittlerin)
"Ich habe einen Ausweis für die documenta, hatte aber noch keine Zeit,
mir die Ausstellung anzugucken."
(Buchhandlung)
"Jeder muss anwesend sein. Es gibt diese symbolische Anforderung. Dabei
hat die Hingabe an das Projekt nicht immer eine klare Funktion oder
einen eindeutigen Grund."
(Magazines)
"Im Moment gehe ich um 9 aus dem Haus und wenn ich um 10 oder 11
heimkomme, dann war ich zwar vielleicht irgendwie Biertrinken, aber es
gehört natürlich zur Arbeit dazu."
(Assistentin)
"Zwei mal fünf Minuten
Pause reichen nicht für Essen, Trinken und aufs Klo gehen."
(Aufsicht)
"Zu viel Scheiße, zu viel Arbeit, zu wenig Zeit."
(Putzfrau)
Konflikt
"Ich rede nicht über meine Arbeitsbedingungen. Ich will noch mal für
Leifeld arbeiten."
(Vermittlerin)
"Auf der documanta10 haben wir versucht, uns für bessere
Arbeitsbedingungen einzusetzen. Unser damaliger Leiter hat zu uns
gesagt: Hier ist der Stapel Briefe von Leuten die euren Job umsonst
machen wollen. Also hört auf mit der Gewerkschaftsmentalität."
(Wissenschaftliche Begleitung)
"Du bist ersetzbar."
(Praktikant)
"Du machst zehn Sachen schlecht anstatt zwei oder drei richtig."
(Magazines)
"Wie beknackt ist das, dass es immer um das Sofort-Zeithaben geht."
(Kommunikation)
"Die Arbeitsstrukturen auf der documenta12 sind meiner Meinung nach
katastrophal. Es gibt viel zu wenig Organisationsstruktur, es gibt viel
zu wenig klare Aufteilung von Aufgaben und es gibt viel zu wenig Leute
für viel zu viel Arbeit."
(Wissenschaftliche Begleitung)
"Es gibt auch ganz viele Vermutungen und Vorbehalte zwischen den
Abteilungen: Die kriegen sowieso das Geld hinterher geworfen, die
verdienen doch sowieso am meisten usw. Das finde ich gefährlich."
(Assistentin)
"Die Einkommensgarantie klingt toll, aber ich vermute, dass das
Besucherbüro versucht, das Geld wieder rein zu bringen und uns deshalb
mit Führungen zuknallt. Organisatorisch gibt mein Plan das her, aber
menschlich?"
(Vermittlerin)
"An dem Tag, an dem ich nicht arbeite, verdiene ich nicht nur kein Geld,
sondern ich verliere auch den Anschluss an irgendetwas. Wenn mir dieser
Druck genommen werden würde, dann wäre schon viel geholfen."
(Presse)
"Ich habe versucht, mir meine Arbeitswelt nach meinen Ideen zu formen
und damit bin ich zu einem gewissen Grad gescheitert."
(Presse)
Strategie
"Ich denke, dass es immer irgendwie klappt"
(Vermittlerin)
"Wenn's passt, dann nehme ich mir zwei, drei Tage frei. Da setzte ich
dann die Praktikantin ein."
(Magazines)
"Ich hab mich krank gemeldet. Ich hab jetzt halt so rebelliert, dass ich
mich einfach dem entzogen hab. Ich bin niemand, der das so klar
artikuliert. Ich such da mein Hintertürchen."
(Praktikantin)
"Ich bin nicht gebunden an einzelne Institutionen. Ich kann gehen, wenn
Dinge lästig werden, bin unabhängig."
(Vermittlerin)
"Wenn du dein persönliches Leben aufwertest, dann merkst du plötzlich,
was du verpasst. Wir haben zusammen mit unseren alten Nachbarn gegrillt
und zu traditionneller Musik getanzt. Es hat mir überhaupt keinen
beruflichen Vorteil gebracht. Es war für mich, meinen Freund, meine
Straße, meine Lebensbedingungen."
(Magazines)
"Der Superwunsch wäre, dass die Vermittlung für die Besucher gratis wäre
und man sich einfach der Kommunikation mit Leuten, die in diese
Ausstellung kommen, widmen könnte."
(Vermittlerin)
"Ich würde gerne an einem Ort bleiben können und eine Arbeit haben, die
auch immer wieder neu sein kann."
(Vermittlerin)
"Es ist schwierig, Arbeitsverhältnisse zu politisieren, die man sich
selber geschaffen hat."
(Buchhandlung)
"Wir konnten die Macht nicht lokalisieren. Wir wussten nicht, wen wir
mit unseren Forderungen konfrontieren sollten. Wo ist der Klassenfeind."
(Magazines)
"Ich würde überlegen, welche Gesellschaft ich möchte, und dann würde ich
sagen, was das für die Arbeitsweise in der Kulturproduktion bedeuten
würde."
(Magazines)
"Wenn der Salon dazu führen würde, dass wir uns in lokalen Politiken im
Bereich Prekariat, Arbeitslosigkeit einmischen können, wenn wir 30
Leute, und wenn wir den Salon weiter führen könnten, in eigenen Räumen
und unterschiedlichen Milieus ..."
(Beirat)
"Die Frage heute ist, gibt es eine Verbindung zwischen sozialer
Sicherheit und Freiheit, auch Freiheit von Arbeit."
(Beirat)
"Man muss sich was ausdenken heutzutage, irgendwie. Ich weiß nicht, wie
andere das machen."
(Vermittlerin)
